Mehr als das Karottenvitamin - Vitamin A (Retinol)

Schlagworte: Retinal, Retinol, Retinsäure, Retinylacetat, Retinylpalmitat

Vitamin A erfüllt in seiner 3 aktiven Formen Retinol, Retinal und Retinsäure zahlreiche physiologische Funktionen, unter anderem bei der Genexpression, Gehirnentwicklung, im Immunsystem und beim Sehvorgang. In vielen Stoffwechselvorgängen wirkt es synergetisch mit Vitamin D. 

 Retinol stellt die Transportform von Vitamin A im Blut dar und ist eine wichtige Quelle für die Retinsäure (RA). Aktuell sind über 500 Gene des Menschen bekannt, die unter der Kontrolle der Retinoide stehen. 

Vorkommen in der Nahrung

Die Vitamin A Versorgung wird nicht alleine durch die Aufnahme bestimmt, sondern vorwiegend über die Zufuhr bestimmter Carotinoiden , die im menschlichen Organismus mit einer unterschiedlichen Effizienz in Vitamin A umgewandelt werden (Vitamin A Vorstufe – Provitamin A). 

Vitamin A selbst ist ausschließlich in tierischen Lebensmitteln enthalten. Hohe Konzentrationen liefern vor allem die Leber und die verschiedenen Fischleberöle. Der Vitamin A Gehalt der Leber kann teilweise so hoch sein, dass Schwangeren vom Verzehr sogar abgeraten wird. Niedrige Vitamin A Dosen finden wir auch in Butter, Käse, Eiern und Fisch. 

Pflanzliche Lebensmittel liefern vor allem die Vitamin A Vorstufe, wobei das Beta – Carotin als Provitamin gilt. Da die Carotinoide eine natürlich gelbe bis rötliche Pigmentierung haben, finden wir sie in allen Gemüsen und Früchten mit einer gelblichen und rötlichen Farbe (Paprika, Karotten, Marillen, Mango und Papaya), doch auch dunkelgrünes Blattgemüse wie Spinat und Grünkohl enthalten Provitamin A. 

Die Verwertbarkeit von Vitamin A wird von mehrerer Faktoren beeinflusst. Eine fettarme Ernährung, ein Eisen – und oder Zinkmangel setzen die Bioverfügbarkeit von Vitamin A herab. Auch Hitze und Licht reduzieren die Vitamin A Aktivität, durch längeres Kochen wird das fettlösliche Vitamin teilweise zerstört. 

Physiologische Effekte

  • Im Auge ist Vitamin A der Baustoff des Sehpurpurs und ist als solches beim Sehvorgang, sowie bei der Umwandlung von Photoenergie in neuronaler Energie beteiligt
  • Es reguliert die Spermien – und Eizellreifung und ist an der Synthese von Androgenen und Östrogenen beteiligt
  • In der Haut fördert Vitamin A die gesunde Zellteilung und die Reparatur von Hautschäden
  • Die Schleimhäute unterstützt es in ihrer Barrierefunktion gegen das Eindringen von Viren und Bakterien
  • Im Immunsystem ist Vitamin A an der Produktion von Antikörpern beteiligt, es aktiviert die Neutrophilen, Makrophagen, NK Zellen, sowie die T- Zellen und die B- Zellen
  • Im Blut unterstützt Vitamin A die Freisetzung der roten Blutkörperchen und den Einbau von Eisen in die Erytrozythen

Referenzwerte

Die DACH empfiehlt bei Männern die tägliche Aufnahme von 3333 I.E Retinol und bei Frauen von 2666 I.E. Aufgrund des erhöhten Bedarfes in der Schwangerschaft werden für Schwangere ab dem 4. Monat täglich 3666 I.E und für Stillende 5000 I.E empfohlen. 

Risikogruppen für eine unzureichende Versorgung sind vor allem Schwangere, Stillende, sowie Kleinkinder, chronisch Kranke, Veganer und Alkoholiker da diese Gruppen einen erhöhten Bedarf aufweisen.

Erhöhter Bedarf auch bei:

  • Wachstum
  • Hyperthyreose
  • chronische Infektionen
  • Lebererkrankungen
  • vegane Ernährung
  • Alkoholabusus
  • chronisch – entzündliche Darmerkrankungen
  • Zinkmangel

Verminderte Verfügbarkeit bei:

  • fettarmer Kost
  • Gallensäuremangel
  • Fettabsorptionsstörung
  • verminderter Verfügbarkeit von Vitamin A und Carotinoiden im Körper
  • Rauchen

Vitamin A Mangel

Ein Vitamin A Mangel tritt in Entwicklungsländern mit einer schlechten Versorgung mit Vitamin A haltigen Lebensmitteln sehr häufig auf. Nach Angaben der WHO sind 140 Millionen Kinder und 7 Millionen Schwangere  vor allem in Afrika und Südostasien akut davon betroffen. Somit stellt es auch ein großes Problem für die öffentliche Gesundheit dar. Bei Kindern ist ein Vitamin A Mangel die häufigste Ursache für eine Erblindung. Ein Vitamin A Mangel steigert auch die Mortalität und Morbidität aufgrund schwerer Infektionen. 

Das Problem der Mikronährstoffdefizite ist jedoch nicht nur auf die Länder mit einem niedrigen und mittleren Einkommen beschränkt, sondern tritt auch in wohlhabenden Ländern auf. Auch die moderne Lebensweise und die Umweltfaktoren können eine suboptimale Aufnahme von Vitamin A zur Folge haben. 

Aber auch in Ländern mit einer guten Versorgung, kommt es aufgrund von chronischen Darmerkrankungen, Essstörungen oder durch Medikamentennebenwirkungen, immer wieder zu einer Unterversorgung mit Vitamin A

Es deutet Vieles darauf hin, dass rund 25% der Bevölkerung Deutschlands die empfohlene Vitamin A Aufnahme nicht erreichen.

Es kann davon ausgegangen werden, dass die suboptimale Aufnahme von Vitamin A und/oder ein Vitamin A Mangel auch unter älteren Menschen prävalent ist. Bei den Senioren ist der Vitamin A Mangel  mit einer gestörten Immunantwort auf Infektionen verbunden und korreliert auch mit einer erhöhten Wahrscheinlichkeit für einen kognitiven Abbau. 

Zudem gibt es einen Polymorphismus: Er betrifft bekanntlich ca. 45% der Menschen mit einer hellen Hautfarbe. Sie können durch eine genetische Komponente verursacht, und können Beta – Carotin kaum in Retinol umwandeln. 

Ein Mangel an Vitamin A geht mit folgenden Symptomen einher:

  • Störungen der Sehfunktion (Nachtblindheit, Hell- Dunkel Anpassung, Blendeempfindlichkeit, trockene Bindehäute)
  • trockene und schuppige Haut, spröde Nägel, vorzeitiges Ergrauen
  • Austrocknung und Verhornung der Schleimhäute mit Störungen des Geschmacks- und Geruchssinn, Gingivitis, Stomatitis
  • Bronchitiden, häufige Atemwegsinfekte
  • Eisenmangelanämie
  • Störungen im Knochen – und Zahnwachstum bei Kindern
  • erhöhte Infektanfälligkeit, Müdigkeit, verminderte Antikörperproduktion
  • gestörte Spermienbildung, Unfruchtbarkeit
  • Durchfälle und Resorptionsstörungen
  • reduzierte Impferfolge
  • Fruchtschädigungen in der Schwangerschaft

Einnahme

Da 90% des Vitamin A in der Leber gespeichert werden, ist die alleinige Bestimmung im Blutplasma nicht ausreichend. 

Vitamin A ist ein fettlösliches Vitamin und sollte daher zu den Mahlzeiten aufgenommen werden. 

Nach der oralen Aufnahme werden Retinoide In Dünndarm unter der Anwesenheit von Fetten in die Enterozyten aufgenommen und als Retinsäure oder Retinol weiter verstoffwechselt. Zur Steigerung der Aufnahme sollte Vitamin A deshalb am besten zu den Mahlzeiten eingenommen werden. 

Nach dem aktuellen Wissenstand sind keine Nebenwirkungen bekannt. 

Als Kontraindikationen für eine Supplementierung gelten:

  • ein Glaukom
  • Hirndrucksteigerung
  • schwere Hypertonie (Bluthochdruck)
  • schwerer Diabetes mellitus
  • in der Menopause konnten bei einer langfristig hohen Zufuhr (von über 1500 ng/d) eine Zunahme des Osteoporoserisikos beobachtet werden

Interaktionen mit anderen Medikamenten

Die kombinierte Gabe von hohen Dosen Vitamin A Analoga und Vitamin A kann zu toxischen Dosen führen.

Estrogene (orale Kontrazeptiva) können den Vitamin A Spiegel in der Leber anheben. 

Ein Zinkmangel kann den Vitamin A Stoffwechsel negativ beeinflussen (Resorption, Transport, Umwandlung zu Retinal).

Vitamin A und das Immunsystem

 Vitamin A ist ein wichtiger Regulator des Immunschutzes. Das fettlösliche Vitamin ist aufgrund seiner großen Bedeutung für das angeborene und erworbene Immunsystem, als “antiinfektiöses Vitamin” bekannt. Retinoide tragen zu einer intakten Haut – und Schleimhautbarriere bei und unterstützen somit die erste Abwehrbarriere gegen Viren und Mikroorganismen. Bei einem Vitamin A Mangel sind deshalb auch die zellulären Mechanismen der Hautbarriere gestört, in der Folge können auch Erkrankungen des Atmungsapparates auftreten. Neben der Barrierefunktion unterstützen Carotinoide auch direkt die humorale und die zelluläre Abwehrantwort.  Infektionskrankheiten, die eine Akut – Phase Reaktion induzieren, führen gleichzeitig auch zu einer Abnahme von Vitamin A, dies verschlechtert wiederum die Immunantwort, weil die Funktion der Neutrophilen, Makrophagen, NK Zellen sowie der T- und B-  Helferzellen, eingeschränkt ist. 

In zahlreichen Studien konnte auch eine immunmodulierende Wirkung auf die Zellen des Respirationstraktes und des Gastrointestinaltraktes nachgewiesen werden. 

Vitamin A verbessert also die Abwehr der Schleimhäute, reduziert die Darmpermeabilität und erhöht die Integrität der Alveolar – und Darmschleimhaut. 

Zudem fördert Retinol die Bildung und Freisetzung neuer Erythrozyten und erleichtert den Einbau von Eisen. Ein Vitamin A Mangel kann zu einer gestörten Eisenutilisation und damit verbunden, zu einer hypochromen Anämie führen. 

Bei einem Vitamin A Mangel besteht also ein erhöhtes Risiko für virale Infektionen, einschließlich Infektionen mit den Grippevirus, Humanes Respiratorisches Synzytial Virus (RNV), Masernvirus, sowie eine Anfälligkeit für einen schwerwiegenderen Verlauf. 

Risikogruppen für einen schwerwiegenden Verlauf sind vor allem ältere Menschen (ab 65 Jahren), Erwachsene mit Herz – und Lungenerkrankungen, sowie Erwachsene mit einem geschwächten Immunsystem. Die Veränderungen in der Schleimhautregeneration und die Immunantwort sind für die erhöhte Mortalität und Morbidität bei Patienten mit einem Vitamin A Mangel verantwortlich. 

Vitamin A und COVID - 19

Oxidativer Stress und Entzündungen sind die Hauptrisikofaktoren für einen schwerwiegenden Verlauf der COVID – 19 Erkrankung. 

Bioinformatikerergebnisse konnten zeigen, dass der Wirkungsmechanismus von Vitamin A gegen SARS – COV – 2 eine Hemmung der proinflammatorischen Prozesse sowie eine immunmodulierende und antioxidative Wirkung umfasst. Diese Ergebnisse legen den Schluss nahe, dass Vitamin A eine zusätzliche, wirkungsvolle Behandlungsoption sein kann. 

Empfehlungen für die Prävention:

Tägliche Supplementierung von 2.000- 4000 I.E Vitamin A (Retinol) für ältere Menschen, Erwachsene und Jugendliche

Literatur

Gröber, U. (2019): Vitamin A (Retinol); Zs. f. Orthomol. Med. 17: 44 -49

Gröber, U. (2021): COVID – 19 und Long – COVID Bessere Resilienz durch immunrelevante Mikronährstoffe, S: 35 – 42, Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Stuttgart